Raus aus dem Homeoffice – rein in den öffentlichen Raum! Für einige Wochen wird die Stadt Münster zum begehbaren Zettelkasten. Die Menschen sehnen sich nach Orientierung, Führung und klaren Vorgaben. Können sie haben: müller leert seine Zettelkästen und verzettelt die Stadt mit hunderten Imperativen.

Mit etwas Verspätung nahm das Dezernat für Zettelwirtschaftsförderung am Freitag, 29.10. seine Außenarbeiten auf. Ursprünglich war eine Begrenzung der Aktion auf 1 Woche geplant. Aus unbekannten Gründen wird die Maßnahme auch in den nächsten Wochen weitergeführt. Die ersten ca. 200 Fotos von den bisher 7 oder 8 Einsatztagen finden weiter unten.

Samstag, 20. November: Ordnung gestört – und wiederhergestellt
müllers schönstes Verzettelungserlebnis

Die amtliche Verzettelungsaktion läuft besser als erwartet. Nachdem müller am Samstag, den 20. November ab 9.15 Uhr den Roggenmarkt großzügig und zum Pläsier der Passanten verzettelt hat – gerade beginnt er, den Prinzipalmarkt mit neongelben Post-its diskursiv aufzuwerten – treffen zwei Amtspersonen (Ordnungsamt) am Tatort ein.

Die beiden pflichtbewussten Männer können nicht glauben, dass „so ein Müll“ (den Kalauer musste einer von ihnen anbringen) vom Kulturamt gefördert wird. Bestärkt von dem Gefühl, dass es bei dieser Aktion nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wird müller aufgefordert (in angemessen verbindlichem Imperativ), die Zettel sofort wieder von den heiligen Säulen der Stadt zu entfernen. müller hingegen möchte einfach nur in Ruhe seine Arbeit machen, reklamiert die Kunstfreiheit und gibt also seinen Widerspruch zu Protokoll.

Partizipativ und interaktiv

Dadurch gelingt es müller, die Mitarbeiter des Ordnungsamtes noch engagierter in seine Imperativ-Aktion einzubeziehen. Viele schöne Imperative gehen nun aus dem Verwaltungsakt unter den Arkadenbögen hervor: Händigen Sie uns Ihren Personalausweis aus! Verschonen Sie das Münsteraner Heiligtum! Tragen Sie die Kosten für die (nicht) entstandenen Schäden! Entfernen Sie unverzüglich alle Zettel! Folgen Sie den Anweisungen der Ordnungskräfte! Nutzen Sie doch lieber die Kirche als Pinnwand! 

Zwischenrésumé

Die meisten Passanten, mit denen müller an diesem Vormittag ins Gespräch kommt, stehen der Aktion – wie schon in den letzten Wochen – aufgeschlossen, interessiert und freundlich gegenüber. Manche freuen sich über eine inspirierende Abwechslung im Stadtbild. Einer regt an, die Verzettelungsmaßnahme auch in Osnabrück durchzuführen, eine weitere freut sich über Kunst, mit der man etwas anfangen könne. Andere schütteln ordnungsgemäß den Kopf oder regen an, das müller für die Entsorgung aufkommen solle. Kurzum, die Reaktionen auf den von müller aufgehängten Müll sind insgesamt mehr als ermutigend.

Freuen Sie sich also mit müller auf eine Fortsetzung der fröhlichen Verzettelung in der bunten und aufgeschlossenen Provinzhauptstadt Münster mit so viel kreativem Potenzial, wie herauszustellen ist.

Hier nun die Fotos der bisher im Stadtbild platzierten Imperative zur gefälligen Kenntnisnahme. In den nächsten Tagen (Wochen?) sehen Sie hier (beinahe) täglich und laufend neue Fotos mit neuen und neu platzierten Imperativen – lachhaften, verstörenden, unmöglichen, leidlich bekannten, überflüssigen.

Beginnend mit den jeweils aktuellen.

Nachdem die Ordnungskräfte einige neue, anregende Imperative beigesteuert haben, entfernen sie sich Richtung Rathaus.

Heute, morgen, übermorgen und viele Tage danach finden Sie hier immer wieder jede Menge neuer Fotos!

Wer müller eine Rückmeldung oder Anmerkung hinterlassen möchte, kann das mit diesem Link per E-Mail: mail@meetingmueller.de

Als Leiter des völlig neu geschaffenen Amtes für Zettelwirtschaftsförderung wird müller einige Wochen lang die Stadt Münster mit amtlichen Aufforderungen versehen. Damit möchte er Einwohnern wie Gästen Orientierung in schwierigen Zeiten geben und natürlich viele kleine Freuden machen.

Seit der Aufklärung ist klar, dass in der modernen Welt zehn Gebote bei weitem nicht ausreichen. Es scheint außerdem so, dass man den meisten Menschen nicht mit dem Kategorischen Imperativ zu kommen braucht.

Um die Menschen abzuholen und mitzunehmen braucht es viele hochdifferenzierte und eingängige Anweisungen. Schließlich erfreuen sich amtliche Aufforderungen und Anweisungen in den letzten Jahren einer steigenden Beliebtheit. Die Menschen scheinen gar nicht genug davon zu kriegen – bisher.

Anstelle einer internationalen Expertenkommission hat müller tausende Imperative gesammelt, erlauscht, extrahiert und destilliert. Sie kommen aus Werbung, Kultur, Politik, Verwaltung, aus Traditionen und Gewohnheiten oder von Müttern und Vätern, sind groß plakatiert, jagen in Wellen durch Kabel und Gehirnwindungen, tummeln sich im Unbewussten, oft auch zwischen den Zeilen oder in den Ritzen des öffentlichen Diskurses. Die meisten wurden von müller allerdings exklusiv erfunden und allesamt handschriftlich notiert.

Der Notizzettel ist seit Jahrhunderten eine bevorzugte Technik geistiger Arbeit und ein Medium des Erinnerns, Vergessens, Motivierens, Mit- und Weiterdenkens, oder auch eins der kleinen Bevormundungen zwischendurch.

Durch einen Technologietransfer vom privaten, geschäftlichen oder behördlichen Innenraum in den öffentlichen Außenraum, in den begehbaren Zettelkasten, möchte müller nebenbei der allgegenwärtigen Digitalisierung einen empfindlichen Schlag versetzen und gleichzeitig die Aufenthaltsqualitäten im urbanen Raum steigern.

müller: Nur wer nicht weiß, dass er sich verlaufen hat, ist wahrhaft orientierungslos. An diese Menschen richtet sich müllers Aktion. Aber auch an alle anderen.

Die Aktion wird im Rahmen des Stipendienprogramms 2021 für freie Kulturschaffende in Münster gefördert.